"Es ist ja keine Schande - es ist Schicksal" Teil 2 der Geschichte von Katharina



"Das heißt also, ich werde sterben?" schluchzte ich.

"Nein Katharina! Schau Dir mal das Heft hier an" sagte die Onkologin zu mir und zeigte auf den Therapieplan "Euro Ewing 99", der schon ziemlich abgegriffen war. "Schau, wie abgegriffen dieses Heft ist. Damit haben wir schon sehr vielen Kindern das Leben gerettet", tröstete sie mich. Diesen Satz habe ich noch vernommen, ehe mir eine Tablette zur Beruhigung gereicht wurde.

Auf dem Weg aus der Klinik beutelte mich erneut ein Heulkrampf. Wir gingen mehrere Etagen zu Fuß hinunter und ich weinte bitterlich. Die Blicke der uns entgegenkommenden Menschen waren bemerkenswert.


Im Auto angekommen und bereit zur Rückreise an den Chiemsee, musste ich sofort zuhause bei Papa anrufen, um ihm von diesem Drama, das gerade stattfand, zu erzählen. Ich brüllte ins Telefon: "Papa, ich hab' Krebs!"

Der aber reagierte in einer Coolness, die es wahrscheinlich nur selten in solch einer Situation gibt. Er meinte: "Ach, die Medizin ist mittlerweile so dermaßen gut drauf auf dem Krebs-Gebiet, die Krankheit überstehen mittlerweile immer mehr Leute". Für manche Leute mag dieses Reaktion unverständlich sein, doch genau diese Einstellung zur Krankheit war der Schlüssel zur Heilung, wie ich später erfahren durfte: Kein Jammern, sondern positiv sein! Zumal mein Papa ebenfalls schon länger wusste, was geschlagen hat.

Auf dem Weg nach Hause, auf Höhe dem Irschenberg, setzt dann schlagartig die Wirkung des Beruhigungsmedikamentes ein. Ich sagte zu meiner Mutter: "Weißt Du was? Ich nehme den Krebs an. Er ist bei mir willkommen. Ich mache ihn mir zum Freund und überliste ihn dann!". Ab da fielen meine Augen in den Schlaf.

Zuhause wartete noch ein sehr wichtiger Termin auf mich, den ich aber zeitlich etwas nach hinten verlegen musste, um mich vom Beruhigungsmedikament zu erholen: Wir holten unser 5. Meerschweinchen ab. Der schwarze Kastrat mit dem Namen "Mudhros" war ein Tapferkeitsgeschenk nach den Untersuchungen in München. Die Züchterin Doris verriet mir später, dass sie sehr verwundert war, warum es mit der Abholung plötzlich so schnell gehen musste. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Doris wurde zu einer meiner engsten Vertrauten und Wegbegleiter. Am Abend des Diagnose-Tages zog also Mudhros noch bei uns ein. Dieser Abend war plötzlich wieder so "normal" und ich war überglücklich.

Das Wochenende verging viel zu schnell. Mittlerweile hat es sich im engeren Freundes- und Bekanntenkreis herumgesprochen, dass ich lebensbedrohlich erkrankt bin. Es war kein Getratsche. Wir haben sofort offen darüber gesprochen, Menschen angerufen und ihnen ehrlich erzählt, um was es nun bei mir geht. Es ist ja keine Schande, es ist Schicksal. Die Reaktionen waren allesamt die gleichen: Bestürzung, Schock und vor allem eine große Welle an Solidarität und Hilfsbereitschaft. Ich habe hier sehr schnell gemerkt, wer die wahren Freunde sind. Es sprangen mir plötzlich Menschen zur Seite, von denen ich es niemals erwartet hätte. Es haben sich aber auch welche abgewandt. Leider sogar aus dem engeren Familienkreis, da sie mit der Situation einfach nicht zurecht kamen.


Der letzte Abend vor dem Einrücken in die Klinik: Es war ein lauer Sommerabend und ich saß das letzte Mal vor der Therapie auf dem Pferd. Es war eine Traumkulisse und der Vollmond ging schön langsam auf. Innerlich wollte nichts von mir am nächsten Tag nach München. Ich habe mir wirklich Gedanken gemacht, wie ich das Ganze vielleicht noch schnell absage, ohne den Gedanken, wie es anstelle weitergehen soll, denn der Krebs ist schließlich da.

Am nächsten Morgen war es dann soweit. Wir trafen uns mit meiner Tante schräg gegenüber der Klinik vor dem Mc Donald's. Sie erlitt nur ein Jahr zuvor eine Gehirnblutung. Ihr war es daher ein tiefes Bedürfnis mit meiner Mutter und mir die Klinik zu betreten, quasi die ersten Schritte in Richtung der Behandlung zu gehen. Sie sagte: "Ihr wart damals auch für mich da, jetzt bin ich es für Euch!". Und dann sind wir Schulter an Schulter und im Gleichschritt durch die Pforte der Klinik gegangen.


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