"Dieser Krebs hat mir die Möglichkeit meines Lebens erst eröffnet"

Ein großer Mann und ein riesiger Typ – das beschreibt den Alpinsportler Martin Szwed recht gut. Der 2.05m große Extrembergsteiger hat aus seiner Krebsdiagnose 2006 mehr als nur das Beste für sich herausgeholt und sagt: „Dieser Krebs hat mir die Möglichkeit meines Lebens erst eröffnet“. Bei NuoViso.TV sprach er kürzlich über sein Schicksal und die neu gewonnenen Stärken daraus.


Es war ein plötzliches Taubheitsgefühl in den Armen, wechselseitig. „Ich dachte: Naja, Du schläfst irgendwie falsch, irgendwas ist da nicht ganz richtig […] dann sitzt Du da vorm Fernseher, hast die Fernbedienung in der Hand und die fällt Dir heraus“, beschreibt Martin die ersten Anzeichen.

Nach einem Arztbesuch, sowie CT- und Röntgenuntersuchungen war klar: Er leidet an einem Tumor im 3. Halswirbel. Die Prognose: Er habe noch 2 - 3 Jahre zu leben. Für den 24-jährigen Physikstudent Martin war diese Diagnose unfassbar: „Mit 24, da bist Du unsterblich. Da bist Du ja in der Blüte Deines Lebens, da denkst Du in keiner Weise über den Tod nach. Auf einmal wird Dir gesagt: ‚Du wirst sterben. Du bist endlich, Deine Zeit ist limitiert‘. Und dann beginnst Du Dich damit zu befassen und zu sehen: Worauf konzentriere ich mich dann im Leben“.


Martin begann fortan sein komplettes Leben zu hinterfragen. Ist das Studium noch das Richtige? Oder solle er sich lieber dem Bergsport widmen, für den sein Herz bereits schon schlug? Er hat mit seiner Partnerin eine Kletterschule aufgebaut und für sich festgestellt, dass das seine wahre Passion ist.


Faszinierend ist allerdings die Tatsache, dass Martin seit Bekanntgabe der Diagnose plötzlich sorgenfrei war: „Es klingt immer so blöd, aber dieser Krebs hat mir die Möglichkeit meines Lebens erst eröffnet, weil ich dadurch den Mut hatte zu sagen: ‚Naja, ich muss mir keine Gedanken über Rente machen, oder über einen sicheren Job. Das betrifft mich nicht. Das werde ich eh nicht erleben‘.


Für ihn war ab sofort wichtig, seine begrenzte Lebenszeit mit dem Maximum an Leben zu füllen. Konkret heißt das: Er will die Welt sehen – als „Alpinist“, wie er sich selbst bezeichnet. Die „Seven Summits“ müssen es sein. „Dann bin ich auf jeden Kontinent der Welt“, begründet er das und verbindet somit Reiselust und alpine Leidenschaft. „Ich konnte plötzlich machen was ich wollte und das hat mich wiederum zum Erfolg geführt. Ja, der Erfolg kam von allein“.

Sein Credo lautete ab sofort: „Warum sagen mir eigentlich Ärzte wann ich zu sterben habe?“

Sein Tumor war kein Alltagsfall. Lokalisiert an der Rückenmarksinnenseite, war eine Standard-Therapie mit Chemotherapie und Operation in seinem Fall nicht möglich. Lange Zeit hielten sich die Beschwerden in der Halswirbelsäule, sowie das Taubheitsgefühl im Rahmen. Das Blatt wendete sich dann 2010 drastisch: „Jetzt wird’s kritisch, jetzt müssen wir was machen. Ich gehe jetzt und mache eine Strahlentherapie“, entschloss sich Martin, „doch das war das Schlimmste, was ich machen konnte“ resümiert er, „denn die Therapie war wirkungslos, hat nicht angesetzt“. Er trainierte zuvor auf den berühmten „Ironman“ den er laufen wollte, seine Kräfte ließen ihn allerdings so sehr im Stich, dass er nicht einmal mehr im Stande war, ein Wasserglas zu halten.


Plötzlich eröffnete sich eine neue Therapiemöglichkeit für ihn: sein Arzt überwies ihn an einen Kollegen, der in „Experimentalstudien“ aktiv war. „Da bin ich halt dann reingekommen und diese Experimentalstudie mit einer anderen Strahlentherapie, die HIT (heavy ion therapy), war dann nicht ganz so heftig“. Da dieses Verfahren zu damaligen Zeiten noch nicht so weit verbreitet war, flog er nach Schottland um sich dort behandeln zu lassen und wechselte später in das Studienprogramm der Universität Tübingen.


Im Jahre 2016 war für Martin die letzte Therapieeinheit. Das HIT-verfahren war für ihn ein voller Erfolg und seine Blutwerte haben sich wieder normalisiert. Wie sieht es mit seinem Allgemeinzustand aus? „Die Einschränkungen sind nach wir vor da. Ich merk’s halt beim Klettern. Die Kraft fehlt, egal wie viel ich speziell trainiere. Dieses Maximum krieg ich nicht mehr hin, aber es ist egal, damit habe ich mich abgefunden, es ist okay. Ich habe andere Felder für mich entdeckt, wo ich meine Stärken ausleben kann: das ist das Höhenbergsteigen.“


Martin Szwed. Ein Mann, der mit 24 Jahren sein Todesurteil erhielt, feiert nun im Herbst seinen 40. Geburtstag. Er bereiste 150 Länder, hat 4 verschiedene 8.000er bestiegen und ging zu Fuß zum Südpol. Sein nächstes großes Ziel ist die Besteigung des K2.

Als Expeditionsführer erfüllt es ihn ungemein, anderen Menschen dabei zu helfen, sich ihre Träume von den Gipfeln der Welt zu erfüllen.


Was können wir aus seiner Geschichte lernen? Vielleicht, dass es das Wichtigste ist, jede Sekunde seines Lebens zu genießen, die Sorgen beiseitezulegen und vor allem: seinem eigenen Herzen zu folgen!


Mehr zu Martin Szwed auf seiner Homepage.




Von Katharina Edl


Eine Mitschrift aus NuoViso.TV, Sendung: Café+ mit Katrin Huß, VÖ 20.03.21 auf YouTube

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