Die "Heidelberg-8" für Knochenkrebspatienten? Ich hab's probiert!

Ein Erfahrungsbericht von Katharina Edl, Initiative Cancer Survivor


Ist das Trainingsprogramm "Heidelberg-8" der Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg auch für Patienten mit einer innerer Hemipelvektomie (Hüftverschiebeplastik) geeignet? Ich als ehemalige Betroffene eines Ewing Sarkoms im Becken habe den Test gemacht und festgestellt, dass dieses Programm nicht nur meine körperliche Verfassung herausfordert, sondern viel mehr meine mentale Seite!


"8 Übungen, 8-sam in 8 Minuten" lautet der Slogan zum Programm, das allgemeine Fitness- und Dehnübungen beinhaltet - ohne jegliche Sportgeräte! "Das ist doch sicher machbar" dachte ich mir, obwohl es das erste Präventions- und Fitnessprogramm war, das nicht maßgetreu auf mich - sprich meine Vorerkrankung - zugeschnitten war, sondern für Menschen mit normalen Hüftgelenken und den normalen Beschwerden dazu.

Doch so "unnormal" war ich in dieser Situation gar nicht: Meinem Beruf als Journalistin, sowie dem aktuellen Lockdown geschuldet, holten mich zweitweise Schmerzen am linken Hüftgelenk, sowie am Iliosakralgelenk ein. Also jener Seite, die der meisten Belastung ausgesetzt ist, da sie meine "schwache", operierte rechte Seite ausgleichen muss.


Auf Anraten meines Sportorthopäden, mit Dehnübungen mein linkes Hüftgelenk fit zu halten und als Fan der Heidelberger Orthopädie, stieß ich also auf die „Heidelberg-8“, die genau zur richtigen Zeit online ging. Mein Vorurteil, dieses Programm sei in erster Linie für "die älteren Semester", was keineswegs als abwertend verstanden werden soll, eher für einen niedrigen Leistungsanspruch den ich mir ausmalte, wurde mir schnell vom Tisch gefegt.


Innerlich und unbewusst in meinen alten Wettkampfmodus aus Zeiten von Reitsport-, sowie Volleyballturnieren und den Bundesjugendspiele zurückgekehrt, nahm ich die Heidelberg-8 als Ansporn, um zu zeigen: Auch mit dem Hüftkopf am Kreuzbein fixiert und einer Beinlängendifferenz von 8cm, kann alles möglich sein - lasset die Spiele beginnen. Eine Einstellung meinerseits, die mir letztendlich böse auf die Füße fiel - im wahrsten Sinne des Wortes!


Die erste Übung (schwungvolles Marschieren auf der Stelle) war ohne Probleme machbar. Die Muskeln, der Hüftkopf, sowie der Anbindeschlauch von MUTARS©, der den Hüftkopf fixiert, haben das alles wunderbar mitgemacht. Mein ständiges Motto "Just do it" zahlte sich hier wunderbar aus.


Doch ziemlich schnell, genauer gesagt ab Übung Nr. 4 (Federn mit leicht gebeugten Knien auf den Zehenspitzen), machte mir meine rechte Beinlängendifferenz und der "Spitzfuß" auf der rechten Seite einen Strich durch die Rechnung, denn: stelle ich mich mit dem linken Bein auf die Zehenspitzen, heißt das für das rechte Bein "Baumeln in der Luft". Also musste ich mir etwas einfallen lassen, um diese Übung bestreiten zu können. Und schon spielte sich in meinem Kopf ein Programm aus vergangenen Reha-Zeiten ab: "Wenn es nicht auf Anhieb klappt, musst Du Dich Deinem Schicksal als "Krüppel" hingeben". Ja, mich übermannten plötzlich Versagensängste, kombiniert mit übertriebenem Ehrgeiz. Eine gefährliche Mischung! Es herrschte ein Gefühlschaos in mir, aus Zeiten, in denen ich mein Schicksal und mein operiertes Bein einfach nicht annehmen konnte. Doch hier stand ich erneut an einem entscheidenden Punkt: Will ich aus diesem mentalen Programm um Versagensängste und Frustration, die sich in meinem Kopf abspielten, endlich aussteigen, oder weiter darin beharren und mich zum Opfer dieser Krebserkrankung degradieren?


Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Jeder Einzelne entscheidet, was er aus seinen Gegebenheiten herausholt - und sind sie noch so miserabel. Es ist im Grunde die Chance der persönlichen Entwicklung, aus der dann eine persönliche Stärke hervorgeht, die das Rüstzeug bietet, sich auch schwierigen Umständen zu manövrieren.

Bei der Heidelberg-8 habe ich mich genau mit dieser Thematik befasst und bin folglich zu dieser Erkenntnis gekommen. Also: Nicht kleckern, sondern klotzen! Keine Ausreden mehr!


Tja, leichter gesagt als getan.


Grundsätzlich ist es so, dass ich stets ohne festes Schuhwerk trainiere, da mir der direkte Bodenkontakt - trotz Spitzfuß - Sicherheit bietet. Doch um die Übung einwandfrei ausführen zu können, musste ich also zu meinen Sportschuhen greifen, die natürlich so aufbereitet sind, um die Beinlängendifferenz auszugleichen, was allerdings den Kontakt und somit das Gefühl zum Boden drastisch minimiert. Letztendlich versuchte ich es nicht in der hüftbreiten Position, sondern mit leicht gespreizten Beinen. Ja, es fiel mir ein klein wenig leichter diese Übung zu vollziehen, dennoch war es nicht das, was es sein sollte. Nicht in Frust verfallen, sondern weiter zur nächsten Übung, war mein Credo und versuchte damit, das alte Kopf-Programm in mir zu durchbrechen. Hier kommt das Motto "Just do it" gerade wieder recht!


Übung Nr. 5. Hier heißt es im Wortlaut: "Spreizen Sie das gestreckte Bein zur Seite und halten das Becken dabei gerade". Jaja, das Becken gerade halten... was ist, wenn man nur noch ein halbes Becken hat? Egal, nicht Wortklauberei betreiben, einfach mal unvoreingenommen machen - wie war das gleich nochmal? Just do it! Und auch diese Übung war beim ersten Versuch nicht erfolgreich. Mit dem rechten, operierten Bein als Standbein kam ich ins Wanken und hätte sogar beinahe den Fußboden geküsst. Durch die große Tumoroperation bekam ich einfach eine "neue" Anatomie, die vieles erschwert.


Ich übersprang erstmal die Trainingseinheiten und ging über zum Teil der Dehnübungen, die meiner Hüfte - der nicht operierten linken Seite, sowie der Spezialkonstruktion rechts - sehr guttaten und die Schmerzen beseitigten.


Das Frustlevel? Das war immer noch da!


Zugegebenermaßen war es stets meine Schwäche zu glauben, meinem Körper auch nach der schweren Erkrankung auf Kommando alles abverlangen zu können, so wie damals in der sportlichen Jugend. Die Situation mit der Krebserkrankung, der Tumoroperation und damit dem Entfernen der Beckenschaufel und als Folgeschaden das Taubheitsgefühl an einigen Stellen, verlangt einfach ein grundsätzliches Umdenken und eine neue Herangehensweise.


Frust und Ärgernis sind weder gute Ratgeber, noch Lösungen!


Also begann ich ein Stück weiter zu reflektieren und mich daran zu erinnern, dass ich meinen Körper zu Zeiten von Physiotherapie und Fitnessstudio immerzu in 2 Teilen trainierte. Auf meine rechte, eingeschränkte Seite musste ich anders eingehen, als auf meine unberührte, fitte linke. Ich musste mir außerdem wieder vor Augen führen, dass ich die Heidelberg-8 in erster Linie für mein linkes Hüftgelenk betreibe, um die Schmerzen zu lindern. Um meine Knochenkrebserkrankung geht es hier nicht direkt, doch das rechte Bein gehört einfach dazu und muss mitgenommen werden.


Es galt nun meinen Trainings-Fokus und meine volle Konzentration auf das linke Hüftgelenk zu legen und mir das währenddessen immer wieder ins Gedächtnis rufen. So wurde aus dem körperlichen Training der Heidelberg-8 für mich vor allem ein mentales Training. Ein Training, das mir letztendlich ein gutes Stück dabei half, aus den alten, frustrationsgeladenen Mustern der Reha-Zeit auszubrechen - und nicht nur das!


Jetzt musste aber erstmal der „Replay-Button“ gedrückt werden – zurück auf Anfang:

Da meine Kraft im rechten Bein nicht zu vergleichen mit der im linken Bein ist, war es nun die tagelange Aufgabe, dieses zu trainieren, damit es stabil und verlässlich steht, um die Übungen für die linke Hüfte einwandfrei ausführen zu können. Das rechte, eingeschränkte Bein musste quasi plötzlich seinen "linken Kumpel" unterstützen, statt umgekehrt. Die bewusste Belastung des rechten Beines, sprich: Das "sich Trauen und Vertrauen auf das Bein", war eine wichtiger Lernschritt. Und es scheint, als wäre das Bein fast schon "dankbar", dass es endlich wieder als funktionsfähiges Bein verstanden würde, benutzte ich es doch die Jahre zuvor in einer Art "Schonhaltung".


Aus der Kraft heraus entstanden die Funktionalität und Koordination. So also schaffte ich es bereits beim zweiten Versuch mit den Übungseinheiten der Heidelberg-8 die Übung Nr. 4, als auch Nr. 5 fließender als zuvor zu meistern. Zwar immer noch nicht perfekt, aber mit kleinen Fortschritten in der Stabilität und Kontinuität und das war erstmal das Wichtigste.


Was habe ich nun daraus gelernt?


Der Schlüssel zum Erfolg, neben dem Aufbau meiner Muskulatur für mehr Beweglichkeit und damit Vitalität, ist die Achtsamkeit (8-samkeit), vor allem meinem geschwächten Bein gegenüber, die Akzeptanz meines Schicksals und die Erkenntnis trotzdem nichts unversucht zu lassen. Eine rein psychische Angelegenheit und eine wahrlich wichtige Erkenntnis, die ich im Zuge der Übungen gewonnen hatte.


Die Wahrheit lässt sich einfach nicht leugnen: Mein rechtes Bein trägt eine Narbe mit der Länge von 28cm und wurde bestrahlt. Das Gewebe litt unter der gesamten Therapiezeit enorm. In den letzten 12 Jahren war das Bein - bis auf ein paar Ausnahmen der Physiotherapie und dem Reiten - in einem einfachen Modus der Fortbewegung in Schrittgeschwindigkeit. Es hat bei der damaligen Tumoroperation unendlich viel ertragen und konnte daher vor einer Amputation bewahrt werden. Es mag zwar kitschig klingen doch wäre mein Bein ein kompletter Mensch würde ich glatt sagen: "Das ist ein wirklich starker und toller Charakter. Er ist es allemal wert ihn zu unterstützen". Ich musste es als eine Art "Trainingspartner" verstehen, der einfach Starthilfe benötigte.


Es war also notwendig meinem Bein mit all seinen Muskeln und Faszien die Zeit zu geben, sich an die neue Belastung und die neuen Anforderungen zu gewöhnen.


Eines ist gewiss: Die innere, sowie äußerliche Achtsamkeit sind die ultimativen Voraussetzungen, aus seinem Körper mehr herauszuholen, als man erahnen mag - auch mit einer inneren Hemipelvektomie - und mit einer extra Portion an 8-Samkeit. Daher war die Heidelberg-8 für mich mehr als nur ein Erfolg!


Ach, Übrigens: die Schmerzen im linken Hüftgelenk, sowie am Iliosakralgelenk sind mittlerweile passé!

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