59153026_2594135173948781_5798849635132899328_o_edited_edited.jpg

Meine große Geschichte

Silvester 2007: Wir schworen uns im Familienkreis, dass das Jahr 2008 ein gutes Jahr wird. Die Termine für Reitturniere waren fixiert und das Ergebnis der ersten Biopsie aus der Beckenschaufel war unauffällig. Es wird also wirklich so sein, dass mir schlicht und ergreifend Wachstumsbeschwerden das Leben seit bereits einem Jahr erschwerten. Nichts sonderbares, so im Alter von 14 Jahren. Also konzentrierte ich mich weiterhin  auf meinen Weg in die große Reitsport-Szene und bereitete mich auf das Reitabzeichen vor, bis ich eines Tages in der Reithalle vor Schmerzen zusammenbrach. Diese Schmerzen, die mich bereits seit meinem 12. Lebensjahr, genauer gesagt seit jenem Wandertag der Schule, in wellenartigen Abständen begleiteten, erreichten nun ihren Höhepunkt. Es half keine Wärmfalsche und auch kein Schmerzmittel mehr. Plötzlich war da eine merkwürdige Schwellung am unteren, rechten Teil des Rückens, die viele Fragen aufwarf. Es half nichts: ich musste diese Veränderung mit meinem Orthopäden Prof. Hillmann weiter abklären. 

Damit war klar: Abmeldung vom Training zum Reitabzeichen und eine Krankmeldung in der Schule auf unbestimmte Zeit. 

Nach der 2. Biopsie, genau aus dieser Schwellung, war mir unverständlich, wieso wir gut 2 Wochen auf das Ergebnis warten mussten und weshalb das Gewebe in mehrere Labore in Deutschland gesendet wurde. Diese 2 Wochen, inklusive meinen 14. Geburtstag, verbrachte ich bereits gänzlich in Ingolstadt zu Schmerztherapie und weil zuvor der Verdacht auf Osteomyelits im Raum stand. 

Ich erinnere mich bei diesem Aufenthalt an zwei mehr als skurrile Situationen: Da ich nach der Biopsie ziemlich bettlägerig war, brachen meine Haare und ich hatte Schwierigkeiten beim Atmen. In meiner jugendlichen Leichtigkeit und ohne jeglichen Hintergedanken kommentierte ich das mit den süffisanten Worten: "Schau mal, ich glaube ich habe Lungenkrebs". Als unwissende 14-Jährige konnte ich leicht blöd daherreden und war natürlich im Glauben, alleine der Krebs verursache Haarausfall. Zumal das ohnehin eine "Krankheit der alten Leute" sei. Ein blöder Spruch, der in Wahrheit aber zukunftsweisend war.  

Zum Anderen traf ich im Park der Klinik (es war Mai 2008) einen jungen Mann, der von seiner Chemotherapie ziemlich gezeichnet war. Er plauderte mit Freunden darüber, wie sie die nächste Garagen-Party gestalten. Meine Mutter und ich waren beeindruckt und sagten uns: "Wow, das ist ein starker Mann.  Der hat den Krebs scheinbar überlebt. Unvorstellbar!". Wir sagten das einfach so. Nichtsahnend, dass nur einen Monat später auch unser Leben vom Krebs bestimmt wird.  

Juni 2008: der Anruf aus Ingolstadt ließ die Gesichter meiner Eltern zu Stein erstarren. Papa saß bei einer Zigarette auf der Terrasse und sagte: "Es ist doch schlimmer, als es aussieht". Ich konnte mit dieser Aussage recht wenig anfangen, denn: was soll einer 14-jährigen schon Schlimmes widerfahren, außer der ersten Periode? Ja, ich war mir dem Drama um mein Leben bis zur aller letzten Sekunde nicht bewusst, nämlich jene Sekunde, als mir die Münchner Onkologin, zusammen mit einer Psychotherapeutin, gegenübersaß und meinte "Katharina, Du hast Krebs".

Plötzlich war mir alles klar: die lange Wartezeit auf das Ergebnis der verschiedensten Labore. Die rasche, übergroße Herzlichkeit der Ärzte und Pfleger auf der Station in Ingolstadt und meine Eltern, die mir jeden Wunsch bedingungslos erfüllen wollten. Sie alle wussten bereits wochenlang, dass ich einen Weg bestreiten muss, bei dem man nicht garantieren kann, dass ich dessen Ziel erreichen werde. Zu meinem eigenen Schutz aber haben sie mich vor dieser grausamen Wahrheit bis zuletzt verschont, denn: es hätte ja doch noch eine Fehldiagnose sein können. Doch die PET-Untersuchung in München ließ keinen Zweifel: es ist ein hochgradig maligner Tumor der Art "Ewing-Sarkom". 

Ja, ich habe es verstanden. Ich habe verstanden, dass ich nicht mehr auf den Pferderücken und in den Springparcours zurückkehren werde. Ich musste mich davon verabschieden, Profi-Reiterin zu werden. Hingegen kann ich mich nicht mehr von meiner Schule verabschieden, weil die Behandlung so schnell wie möglich erfolgen muss. Der Tumor in meiner rechten Beckenschaufel hat sich rasant vergrößert, ich wurde immer dünner, meine Kraft schwand zusehend. 

 

Es war ein traumhaft sommerlicher Freitag im Juni, als ich die Diagnose in München bekam. Der Plan sah fortan so aus: "Du wirst Chemotherapie bekommen und wir werden ab Montag mit der Behandlung starten", hieß es weiter. Ich habe diesen Satz noch vernommen, sah meine Mutter an, der bereits die Tränen über das Gesicht liefen und schon brach auch bei mir der Damm. Es war ein Moment der absoluten Leere, der Verzweiflung, Angst und Panik. Dieser Moment war so real wie irreal zugleich. "Das heißt also, ich werde sterben?" schluchzte ich. 

 

"Nein Katharina! Schau Dir mal das Heft hier an" sagte die Onkologin zu mir und zeigte auf den Therapieplan "Euro Ewing 99", der schon ziemlich abgegriffen war. "Schau, wie abgegriffen dieses Heft ist. Damit haben wir schon sehr vielen Kindern das Leben gerettet", tröstete sie mich. Diesen Satz habe ich noch vernommen, ehe mir eine Tablette zur Beruhigung gereicht wurde. 

Auf dem Weg aus der Klinik beutelte mich erneut ein Heulkrampf. Wir gingen mehrere Etagen zu Fuß hinunter und ich weinte bitterlich. Die Blicke der uns entgegenkommenden Menschen waren bemerkenswert. 

 

Im Auto angekommen und bereit zur Rückreise an den Chiemsee, musste ich sofort zuhause bei Papa anrufen, um ihm von diesem Drama, das gerade stattfand, zu erzählen. Ich brüllte ins Telefon: "Papa, ich hab' Krebs!"

Der aber reagierte in einer Coolness, die es wahrscheinlich nur selten in solch einer Situation gibt. Er meinte: "Ach, die Medizin ist mittlerweile so dermaßen gut drauf auf dem Krebs-Gebiet, die Krankheit überstehen mittlerweile immer mehr Leute". Für manche Leute mag dieses Reaktion unverständlich sein, doch genau diese Einstellung zur Krankheit war der Schlüssel zur Heilung, wie ich später erfahren durfte: Kein Jammern, sondern positiv sein! Zumal mein Papa ebenfalls schon länger wusste, was geschlagen hat. 

Auf dem Weg nach Hause, auf Höhe dem Irschenberg, setzt dann schlagartig die Wirkung des Beruhigungsmedikamentes ein. Ich sagte zu meiner Mutter: "Weißt Du was? Ich nehme den Krebs an. Er ist bei mir willkommen. Ich mache ihn mir zum Freund und überliste ihn dann!". Ab da fielen meine Augen in den Schlaf.

Zuhause wartete noch ein sehr wichtiger Termin auf mich, den ich aber zeitlich etwas nach hinten verlegen musste, um mich vom Beruhigungsmedikament zu erholen: Wir holten unser 5. Meerschweinchen ab. Der schwarze Kastrat mit dem Namen "Mudhros" war ein Tapferkeitsgeschenk nach den Untersuchungen in München. Die Züchterin Doris verriet mir später, dass sie sehr verwundert war, warum es mit dem Abholtermin plötzlich so schnell gehen musste. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Doris wurde zu einer meiner engsten Vertrauten und Wegbegleiter. Am Abend des Diagnose-Tages zog also Mudhros noch bei uns ein. Dieser Abend war plötzlich wieder so "normal" und ich war überglücklich.  

Das Wochenende verging viel zu schnell. Mittlerweile hat es sich im engeren Freundes- und Bekanntenkreis herumgesprochen, dass ich lebensbedrohlich erkrankt bin. Es war kein Getratsche. Wir haben sofort offen darüber gesprochen, Menschen angerufen und ihnen ehrlich erzählt, um was es nun bei mir geht. Es ist ja keine Schande, es ist Schicksal. Die Reaktionen waren allesamt die gleichen: Bestürzung, Schock und vor allem eine große Welle an Solidarität und Hilfsbereitschaft. Ich habe hier sehr schnell gemerkt, wer die wahren Freunde sind. Es sprangen mir plötzlich Menschen zur Seite, von denen ich es niemals erwartet hätte. Es haben sich aber auch welche abgewandt. Leider sogar aus dem engeren Familienkreis, da sie mit der Situation einfach nicht zurecht kamen. 

Der letzte Abend vor dem Einrücken in die Klinik: Es war ein lauer Sommerabend und ich saß das letzte Mal vor der Therapie auf dem Pferd. Es war eine Traumkulisse und der Vollmond ging schön langsam auf. Innerlich wollte nichts von mir am nächsten Tag nach München. Ich habe mir wirklich Gedanken gemacht, wie ich das Ganze vielleicht noch schnell absage, ohne den Gedanken, wie es anstelle weitergehen soll, denn der Krebs ist schließlich da. 

Am nächsten Morgen war es dann soweit. Wir trafen uns mit meiner Tante schräg gegenüber der Klinik vor dem Mc Donald's. Sie erlitt nur ein Jahr zuvor eine Gehirnblutung. Ihr war es ein tiefes Bedürfnis mit meiner Mutter und mit mir die Klinik zu betreten, quasi die ersten Schritte in Richtung der Behandlung zu gehen. Sie sagte: "Ihr wart damals auch für mich da, jetzt bin ich es für Euch!". Und dann sind wir Schulter an Schulter und im Gleichschritt durch die Pforte der Klinik gegangen. 

Wir nahmen die Treppe, überquerten die "gläserne Brücke" und standen vor den verschlossenen Türen der Station "Intern 3", die Kinderonkologie, zu der nur "Gesunde", also Menschen ohne Grippesymptomen, Zutritt hatten. 

Es war mittlerweile mittags und ich kann mich nur an ein einziges Gefühl erinnern, das in mir brodelte: das "Ich will einfach nur weglaufen"-Gefühl. 

Mit dem Oberarzt besprachen wir den Eingriff zum Einsetzen des Hickman-Katheders, der für den folgenden Tag geplant war, Besprechung des Therapieplanes, Blutabnahme und dann bezog ich mein Zimmer. Dieses teilte ich mir mit Petra, einer 19-Jährigen mit Downsyndrom. 

Ich, als Einzelkind aufgewachsen und eine stets verwöhnte Privatpatientin, die nur Privatstationen und das "Rundum-Sorglos-Paket" kannte, war das Teilen des Zimmers und der Privatsphäre die erste Hürde. Doch der Mensch ist einfach ein Gewohnheitstier und so war diese "Wohnsituation" schnell die Normalität. Und die Mutter von Petra war ein wahrer Segen. Vor allem für meine Mutter. 

Marlene lernte meiner Mutter also, meine Blutwerte richtig zu "lesen" und was zutun ist, wenn ein Wert besonders stark abfällt.